Kratzen, fegen, bohnern – die Saubermacher in den siebziger Jahren

Die Saubermacher im Schwedenheim, das waren natürlich die Mädchen, Mädchen für alles.

Alle 14 Tage war es nötig, eine frische Wachsschicht auf den Linoleum – Fußboden aufzubringen. Es wurde zuerst abteilungsweise gekratzt, bis die alte stumpfe Wachsschicht  ´runter war. Genaue Einteilung war, zwei zum Kratzen, zwei zum Fegen, wischen und wieder zwei zum Einwachsen. Nach kurzer Wartezeit bohnerten sie und bohnerten sie und und…

Für mich war das eine neue Welt, Wachs vom Fußboden abzukratzen und so weiter, zu Hause lag Teppich im Wohnzimmer, die Küche und das Bad waren gefliest und in den Schlafzimmer war neues PVC.

Linoleum wurde 1860 in England erfunden. Der Name verweist auf Leinöl, das neben Korkmehl und Jutegewebe der wichtigste Grundstoff zur Herstellung von Linum – oleum ist. Der elastische Bodenbelag war bis 1960 modern, dann kam PVC auf den Markt.

Das Schwedenheim ist ja ein Bau aus den 1950er Jahren, zu der Zeit war bohnern noch normal. Wir stellten uns schwerfällig an, versuchten mit den metallischen Topfkratzern das alte Wachs abzukriegen. Manche nahmen sich Zentimeterstücke vor, andere waren zu faul, sich zu bücken und führten mit festgeschnallten Schrappern unter den  Pantoffeln wahre Schwanentänze auf. Kreuz und quer über ´m Flur, am Ende machten sich alle einen Spaß daraus. Um dann doch noch bis zum Mittagessen fertig zu werden, wurden die „Putzfrauen“ ermahnt, mit dem Blödsinn aufzuhören. Hier und da kamen kleine Dreckshäufchen zusammen, das Schlimmste war getan. Nach fegen und wischen bei frischem Durchzug war alles schnell wieder trocken. Das Bohnerwachs wurde ganz dünn mit einem weichen Lappen aufgetragen. Nach kurzer Trocknungszeit holten wir die dicken Bohnerbesen aus den Putzschränken, jeder von den sechs Fluren hatte auch eine Ecke mit einem Putzschrank mit wichtigen Utensilien, wie Besen, Kehrblech verschiedenen Lappen, Imi zum Scheuern der Waschbecken, Bohnerwachs. Ich höre noch heute das Klackern, habe den Geruch von frisch gebohnertem Fußboden in der Nase. Wahrscheinlich haben wir stundenlang mit Schwung mit dem dicken Bohner hin und her geschoben. Es hat immer kräftig gerumpelt, wenn wir an der Fußleiste anschlugen. (Sie müsste „Bohnerleiste“ heißen). Am Ende glänzte alles wunderbar, um den Effekt zu verstärken, zogen wir die Flurgardine zurück, dann spiegelte sich das Sonnenlicht auf dem blanken Linoleumfußboden. Wer selbst den ganzen Vormittag gewienert hat, ist stolz auf das blanke Ergebnis und mahnt die Mitschülerinnen, beim Laufen die Füße hoch zu heben, mensch.

A.B.

Eine Antwort zu Kratzen, fegen, bohnern – die Saubermacher in den siebziger Jahren

  1. Melusine Herrig schreibt:

    Ha, ha, ha und die Treppen hatten geriffelte Abschlußleisten aus Metall. Die Ritzen wurden mit einem Messer saubergekratzt!

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