Mini-Mode und Trachtenzwang im Schwedenheim

„Ihr seid das Aushängeschild des Hauses“

In den 1970er Jahren war das Minikleid modern und die hellblaue Tracht eindeutig zu lang, das ging überhaupt nicht. Diese Tracht haben die Eltern zur Einschulung kaufen müssen, deshalb erkannten alle Schülerinnen, das man mit ihr machen könne, was man … also abschneiden. Nach größerem Ärger mit der Heimleiterin nähten alle Schneiderinnen genau das Stück wieder an, weil  „ihr seid das Aushängeschild des Hauses“. Dass das hellblaue Kleid unter dem Mantel ein gutes Stück hervorlugte interessierte wohl niemanden.

Wir trugen sowieso viel lieber Hosen mit weitem Schlag, je weiter, desto besser, die Außennaht wurde unten 20 cm aufgetrennt und poppiger farbiger Stoff eingenäht, so waren die Hosen erst einmal modern. Auch modisch waren Clogs, moderne Holzschuhe in allen Farben, gelbe Kniestrümpfe, grüner Minirock, orange/braunes Pulloverchen oder Blüschen – eine oder zwei Nummern zu klein, zum Ausgang. Ja ja Ausgang hatten wir auch, das warspannend in den 1970ern.

Rechtzeitig Schulsachen kaufen, mal ein Eis essen oder anständig an der Ems spazieren gehen, dazu gehörte schon eine gewisse Selbständigkeit und sogar etwas Stolz. Mit eigenem Geld unterwegs sein, das war schon ein merkwürdiges Gefühl. Wer ausgehen wollte, musste sich ins „Ausgangsbuch“ eintragen. Nach ausgiebigem Klamottentausch konnte es dann losgehen.

Meistens waren wir zu zweit unterwegs, und ich weiß noch ganz genau, dass wir unbedingt neuartige „O.B.“ Tampons haben mussten. Das war eine Welt, abends zeigten wir uns dann gegenseitig, wie und wo man Tampons anwendet.    

 Der Besucherraum lag direkt neben meinem Zimmer. Immer wenn die Heimleiterin Gäste hatte, ging sie mit ihnen natürlich in diesen Besucherraum. Manchmal konnte man jedes Wort verstehen. Das wohl erstaunlichste war: Wenn sie etwas brauchte, Zettel, Stift oder ein Marmeladenbrot – bummerte sie an die Wand und rief nach nebenan. Ich brachte alles, ganz nach Belieben, ob ich zu lernen hatte oder auch nicht. Einmal hatte ich die Wut. Gerade war meine Freundin bei mir im Zimmer, da ging die Bestellung einer Scheibe Brot und einer Portion Marmelade durch die Wand. Gemeinsam schlenderten wir in die Küche und dachten uns einen gemeinen Streich aus. So! Unterwegs fanden wir eine kleine Spinne, die tauchten wir in die Marmelade. – Nach einer Stunde sollten wir, da der Besuch fort war, den Tisch abräumen. Das Marmeladenschälchen war leer… Schelm.

Eine gründliche Untersuchung des Persilkartons im Keller stand ja noch an. Ich nahm eine günstige Gelegenheit nach dem Abendessen wahr. Wo ist denn nur der Lichtschalter? Dieses Mal hatte ich eine Schere dabei, um die alten Bänder durchzuschneiden. Viel Staub, noch mehr Zeitungs- und Seidenpapier und – iiii – etwas Pelziges kamen zum Vorschein. Eine alte Ratte, igitt, nein was ist das? Bei genauem „Schau mir in die Augen“ erkannte ich ein Wiesel. Es wurde wohl früher im Biologieunterricht gebraucht. Nur weg hier! So gut es ging, packte ich alles wieder ein und verschwand nach oben. Etwas bleich huschte ich ins Bett und konnte vor lauter Aufregung erst nicht einschlafen.

INFO: O.B. = ohne Binde

A.B.

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