Waschtag im Schwedenheim

Selbstverständlich trugen alle Schülerinnen eine Tracht. Jede hatte zwei „Garnituren“. Das Kleid mit Stehkragen war hellblau mit Fischgrätmuster. Darüber trug man eine graue oder eine weiße Schürze, je nach Tätigkeit. Die weißen Schürzen waren ordentlich gestärkt und akkurat gebügelt. In den 1970er Jahren gehörte sich das so, sollte schick aussehen…

Im Keller standen die große Waschmaschine und die Heißmangel. Hier wurden auch die weißen Schürzen gestärkt. Die bröckeligen weißen Stärkestücke – die mit der Katze von Hoffmann – löste man in einem halben Eimer Wasser auf und rührte sie kurz vor Gebrauch noch einmal gut um. Die zu stärkenden Teile tauchte man in das Stärkebad ein und drückte sie gut durch. Nach dem Auswringen wurden die Schürzen draußen aufgehängt und in Form gezogen. Die bügelfeuchte Wäsche kam dann in die Mangel. Bei einer gelegentlichen Überdosierung waren die Schürzen nachher hart wie ein Brett, dass man bald keine Schleife binden konnte.

In jedem Wäschestück musste selbstverständlich ein Namensschildchen eingenäht sein, damit nach dem Waschen die Wäsche ins richtige Fach einsortiert werden konnte. Es fanden sich aber immer wieder Wäschestücke ohne Schildchen. Diese Namenlosen landeten in einem Wäschekorb, der im Abstellraum stand.

Einmal in der Woche nach dem Abendessen wurde der Korb geholt und so manche Schülerin wusste genau, was jetzt auf sie zukam. „Wem gehört das?“ Jetzt wurden die Namenlosen hoch gezeigt. Die „Rückgabegebühr“ betrug 50 Pfennig.

„Da ich kein Geld ausgeben wollte, meldete ich mich nicht als Besitzerin des gerade gezeigten Wäschestücks. Es landete wieder in den Korb. In einigen Stunden würde ich mir mein Eigentum schon holen!

Des Nachts schlich ich mich durch das Haus. Auf der Fensterbank im Flur lag ein Schlüsselbund, eine Sammlung aller Schlüssel der Heimleiterin. Einer davon passte zur Wäschekammer, das hatte ich mir schon genau gemerkt. Ich tastete mich vor, vorsichtig suchte ich den richtigen Türöffner heraus. Leise, ganz leise drehte ich das Riesenbündel um und in einer Ecke stand jener Wäschekorb. Ich hatte Herzklopfen. Schnell fand ich meine Sachen. Jetzt aber nix wie weg hier! Eilig schlich ich mich zurück zu meiner Schlafkabine. Bei der nächsten Wäsche – Hochhalteaktion fiel das Fehlen einiger Stücke gar nicht auf. Ich hatte meine Sachen zurück und die guten 50 Pfennig gespart.“

INFO:  Früher verwendeten die Hausfrauen Stärkemehl aus Kartoffeln oder Reis, das bei mäßiger Hitze in Wasser gekocht werden musste, bis sich Blasen bildeten. Um der Wäsche Glanz zu verleihen, gab man auch etwas heißes Wachs in das Wasser.

Im 19. Jahrhundert kamen fertige Stärken auf den Markt. Seit 1876 gibt es Wäschestärke von Hoffmann.

A.B.

Eine Antwort zu Waschtag im Schwedenheim

  1. Adelheid Nehring, geb. Jansen schreibt:

    Zu meiner Zeit im Schwedenheim, 1969-1970, waren die Trachten noch weiß/grau gestreift mit einem weißen Bubikragen zum Anknöpfen und weißer Schürze. Natürlich war die Rocklänge kniebedeckt. Wir versuchten durch hochkrempeln in der Taille die Länge etwas zu reduzieren. Und im Winter waren warme Unterhosen (Liebestöter) Pflicht. Wurde kontrolliert. Heute verstehe ich es, aber damals hätte ich lieber die blaugefrorenen Oberschenkel in kauf genommen. :))

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